Kurzgeschichte: Hier, mein login!

Es ist Ende des Jahres und bevor man die kalten Tage wieder komplett vor Netflix verbringt, wollte ich noch ein letztes mal raus gehen. Ich verabrede mich gerne über Facebook mit Gruppen und Menschen die ich bisher noch nicht kenne. So auch geschehen, am vergangenen Wochenende.

Bei einem Kaffee kommen wir alle also ins Gespräch und erzählen im SmallTalk natürlich erst einmal etwas über uns. Kaum sind mir die Buchstaben IT aus dem Mund gefallen, hatte ich auch schon die Aufmerksamkeit einer jungen Dame. Sie kam auch entsprechend schnell zur Sache: “Ihr Vater hat eine Homepage….” fing sie an. Nagut, dachte ich. Du bist zwar kein Web-Entwickler und als IT-Mensch versuche ich private Hilfestellung zu vermeiden, aber ich wollte es mir zumindest einmal anhören. Sie fuhr also fort mit: “…und ich muss die Daten von meiner Website speichern“. – Aha!

Es ging also primär gar nicht wie vermutet um Daddy, sondern um Ihre Homepage. Wie sie mir mitteilte, würde wohl zeitnah der Vertrag auslaufen und sie hätte vorher noch gerne die Daten gesichert. Ich hatte ihr zwar nie zugesagt, aber es folgte prompt eine private Nachricht auf Facebook mit den weiteren Details zu ihrem Problem. Sie schilderte mir, dass sie bereits fremde Menschen in der Bahn angesprochen hatte, die ihr aber nicht helfen wollten bzw. sich nicht mehr gemeldet hatten. Ohgott, dachte ich. Fremden aus der Bahn den login geben? Na komm – dann kümmere du dich doch lieber bevor etwas kaputt geht.

Als ich auf die schnelle gesehen hatte, dass es ein paar technische Schwierigkeiten gab, wollte ich sie in ihrem Unwissen nicht alleine lassen und nahm mich ihrer an. Meine anfänglichen Tipps hatten ihr leider nicht geholfen. Sie meinte daraufhin, sie könnte mir ja ihre Zugangsdaten geben. Ich schluckte. Eigentlich vermeide ich es private Zugangsdaten anzunehmen und wollt das eigentlich auch in diesem Fall. Ich antwortete ihr, dass ich nur ausnahmsweise und auch nur einmalig helfen werde.

Hier, mein login!” – Ohne großen Aufwand stand dort auf Facebook, in plain-text, ihr kompletter Webhosting Zugang. – Wow! Einfach nur: Wow!

Etwas perplex tippte ich also die Zugangsdaten, die ich im übrigen höchstens als Kindersicher einstufen würde, auf der Seite ihres Anbieters ein und bekomme prompt eine Meldung. “Sie haben sich länger nicht eingeloggt, bitte überprüfen Sie, ob alle ihre Daten noch aktuell sind.” Ohgott!

Ich hatte direkt nach dem Login ohne einen einzigen Klick alle ihre Daten vorliegen. Name, Adresse, Job, Kontonummer, Handynummer, Mail-Zugang und so ziemlich alles was ich überhaupt über sie hätte wissen können. Mal fix noch ein halbes Server-Rack zu Ihrem Paket hinzu zu buchen, wäre dank hinterlegter Zahlungsmittel das kleinste gewesen. – Wow! again.

Da sitze ich nun. Irgendwo zwischen Vernunft und Wahnsinn oder besser, zwischen Tragödie und Faszination. Da zerbricht man sich in der Geschäftswelt den Kopf über Datenschutz, hält sich an Regularien, optimiert alles für die DSGVO und dann? Alles für den Moment, in dem eine Fremde einem Fremden nach einer Tasse Kaffee den Generalschlüssel für Ihr Leben in die Hand drückt.

Vielen Dank fürs zuhören, vielen Dank für Ihr Vertrauen! 😀